Josef Schulz
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Patrik Metzger

Die Schiene stand in Nordamerika für die Bewegung, die Besiedelung, den Aufbruch gen Westen. Mit Erreichen des Pazifiks erhob sich dieser über die pure Himmelsrichtung heraus zum mythologischen, heilbringenden Ort. Die Eisenbahn verlor an Bedeutung, der Highway übernahm. Den Siedlern von einst war der Grund und Boden das Versprechen; der Traum von einer glücklicheren Zukunft wohnte auf einem Stück Land, das es galt urbar zu machen. Verloren war, wer hier nicht über Imagination verfügte, einen Plan und starken Glauben.

Heute, lange nach dem Ende der Landnahme, schwebt der Zauber vom Aufbruch über dem Highway wie eine jener Luftspiegelungen über der Asphaltdecke im Sommer. Unter die Räder gekommen ist die Auffassung, die eigene Existenz sei einem Stück Land abzutrotzen und somit Frucht jahrelanger, harter Arbeit. Vom großen (nicht nur amerikanischen) Kurzschluss künden

die übergroßen Schilder am Straßenrand. Sie schreien es auch dem Nicht-Suchenden entgegen: Die Pforte zum Paradies liegt hinter der nächsten Ausfahrt. Erlösung erwartet jedermann, der sich mit Geld auf den Weg macht. Einkaufszentren, Motels, Restaurants, Banken locken, und keiner muss in den menschenfeindlichen suburbanen Räumen noch einmal Siedler sein.

In Centres Commerciaux beschäftigt sich Josef Schulz bereits Mitte der Neunziger Jahre mit den exorbitant großen Einkaufszentren in der französischen Peripherie. Die am Computer zu langen Travellings montierten Einzelaufnahmen machen die Kulissenhaftigkeit und die architektonischen Brüche sichtbar. In den zeitgleich und später entstehenden Arbeiten (sachliches / Formen) werden Schriften und Spuren des Alltags digital entfernt. Die Architektur der Fabrik- und Logistikhallen, der Parkhäuser wird auf ihre großen Volumen reduziert. Die Landschaft ist bereinigt und verflacht zum puren Untergrund. Den Gebäuden fehlt der Maßstab; allein der Horizont – entrückt in unscharfer, lichter Ferne – mag etwas von der Augenhöhe des Betrachters verraten.

In SIGN OUT fehlt auch dieser Anhaltspunkt: Josef Schulz fotografiert die Reklametafeln an den US-amerikanischen Highways und innerhalb der Einkaufsgebiete konsequent in der Untersicht, vor uniformen Himmel. Das, auf was sie verweisen, liegt außerhalb des Bildes im OFF; wir können nur darüber spekulieren. Auch wurden den Tafeln in der Nachbearbeitung Schriften und Logos genommen. Ihrer Botschaft und Funktion beraubt, werden sie zu leeren Sprechblasen. Zunächst scheinen sie ganz auf Blech und Farbe reduziert. Der Betrachter rutscht ab und entdeckt – dann doch – Dreidimensionales: Die Tafeln werden von Gerüsten und Stangen in Wind und Wetter gehalten. Sie haben ein Volumen, schwarze Ränder, tragen Elektrik in ihrem Inneren. Es sind Objekte. Doch täuschen wir uns nicht: Die ihnen abhanden gekommene Botschaft tragen sie schmerzhaft vor sich her. Es sind eben keine neuen Schilder, die noch zu bedrucken wären, sondern alte, gebrauchte. Und so erzählen diese in den Himmel gehobenen Tafeln von geplatzten Träumen. In diesem Comic der leeren Sprechblasen weht der Geist zeitgenössischer Goldgräber, den die große Wirtschaftskrise nun auf der Grünen Wiese begräbt.

Sign Out heißt, sich von einer Liste austragen, sich aus dem System abmelden, nicht mehr teilnehmen. Damit sind ganz konkret die beschilderten Gewerbegebiete gemeint, die mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu kämpfen haben. Mangelnder Umsatz führt zur Aufgabe von Geschäften und Niederlassungen. Angestellte werden entlassen. Weil diese aber in der Nähe ihres Arbeitsplatzes keinen Umsatz mehr tätigen, verstärken sich in der Folge die Verluste. Dies ist vordergründig nur das Ergebnis einer Rechenaufgabe, die in der Summe höhere Ausgaben als Einnahmen ergibt. Volkswirtschaftlich aber droht eine Kettenreaktion: Erstens, weil das System ein dynamisches ist und deswegen nur in der Bewegung, also im Wachstum Gewinne generiert. Zweitens, weil es Vertrauen in eine Tragfähigkeit voraussetzt, die nicht immer gegeben ist.

Genau auf diesem schwankenden Boden gedeiht die Sehnsucht nach erneutem Aufbruch. Ganz gleich, wie groß sich die weltweite Pleite ausnehmen wird, nirgendwo ist treffender und entlarvender beschildert als am Rande eines amerikanischen Highways. Irgendwo hinter diesen wortlos mahnenden Schildern von Josef Schulz muss der Neue Westen beginnen. Sachlicher als in diesen Arbeiten wurde amerikanischer Pop noch nicht besungen.